Predigt über Mt 20, 1-16 am 10. Juni 2012

in der Antoniterkirche Köln

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In der Lesung, die wir eben gehört haben, hat Jesus auf eine Frage der Jünger geantwortet. Die Frage nach dem Lohn: Was bekommen wir dafür, dass wir dir nachgefolgt sind? Jesu Antwort endete mit dem Wort: Viele Erste werden Letzte sein und viele Erste Letzte.

Daran schließt sich nun im Matthäusevangelium unser heutiger Predigttext an. Mt 20, 1-16 – ein Gleichnis Jesu:

 

 

1.      Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsherrn, der ganz früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.

2.      Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Denar als Tagelohn, schickte er sie in seinen Weinberg.

3.      Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere ohne Arbeit auf dem Markt stehen

4.      und sprach zu ihnen: Geht auch ihr hin in den Weinberg. Ich will euch geben, was recht ist.

5.      Sie aber gingen hin. Wiederum ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.

6.      Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere da stehen und sagt zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag ohne Arbeit?

7.      Sie sagen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sagt zu ihnen: Geht auch ihr in den Weinberg.

8.      Als es nun Abend wurde, sagt der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den Letzten bis zu Ersten.

9.      Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing einen Denar.

10.  Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen. Und auch sie empfingen jeder einen Denar.

11.  Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Gutsbesitzer

12.  und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.

13.  Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Denar?

14.  Nimm, was dein ist und geh! Ich will aber diesem Letzten (dasselbe) geben wie auch dir.

15.  Steht es mir nicht frei, zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?

16.  So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.

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In der Predigtreihe dieses Jahres hören wir auf biblische Worte aus der Weisheit des Alten Israel. Die deckt sich teilweise mit der Weisheit der Nachbarvölker.

 

Weisheit half und sie hilft vielleicht noch heute, die Welt zu verstehen und das Leben zu bestehen.

 

Nun habe ich als heutigen Predigttext eine Geschichte aus dem Neuen Testament. Eine von den Geschichten, die nach dem Evangelium  Jesus erzählte, um den Menschen  zu sagen: Eben so geht es zu in der Königsherrschaft Gottes, im Himmelreich. So müsst ihr auch mein Verhalten verstehen.

 

Ist das Weisheit, die hilft, die Welt zu verstehen und das Leben zu bestehen?

Zunächst geht es hier um etwas anderes. Nämlich darum, das Himmelreich zu verstehen. Und das hat seine eigene Ordnung.

 

Tauchen wir einfach einmal ein in Jesu Geschichte mit ihren Bildern aus dem Landleben Palästinas:

 

 

1

 

Da ist der Gutsherr, der Arbeiter für seinen Weinberg sucht, findet und anwirbt. Ein Arbeitgeber im wörtlichen Sinn. Den ganzen Tag über ist er als solcher unterwegs. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Alle drei Stunden stellt er neue Arbeiter ein. So lang wie auf dem Land damals der Arbeitstag dauert.

 

Die Arbeit gehört für den Menschen zum Tagesablauf. Zum Lebensablauf.

Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen – heißt es bei der Vertreibung aus dem Paradies.

 

Dass der Mensch ohne Arbeit bleibt, ist von Anfang an „nicht vorgesehen“, Arbeitslosigkeit scheint nicht in Ordnung zu sein. Die Arbeit gehört zum Menschsein.

Was steht ihr hier den ganzen Tag herum, ohne zu arbeiten? – fragt der Gutsherr zur elften Stunde die Männer auf dem Markt.

 

 

 

 

 

2

 

Für die Arbeit gibt es Lohn. Der Weinbergbesitzer hat mit den ersten Arbeitern einen Arbeitsvertrag geschlossen. Einen Denar als Tagelohn nach damaliger Währung. Das ist nicht üppig. Reicht wahrscheinlich nicht mal für die ganze Familie. Es ist einfach der gängige Lohn für einen Landarbeiter.

 

Den Arbeitern, die er später einstellt, sagt der Gutsherr: Ich will euch geben, was recht ist. Mit den zuletzt angeworbenen redet er gar nicht über ihren Lohn.

 

Aber alle bekommen am selben Abend nach getaner Arbeit den Lohn ausbezahlt. Und bei allem, was immer nachher auch verhandelt wird, wird doch klar: Keiner bekommt weniger, als gerade ihm zusteht oder mit ihm selber  vereinbart ist.

 

Dass jemand keinen Lohn erhält oder ungerechten Lohn erhält, ist in der Geschichte „nicht vorgesehen“.

 

 

3

 

Und doch gibt es Gemurre von den am frühen Morgen eingestellten Arbeitern gegen den Arbeitgeber. Protest im Namen der Gerechtigkeit:

Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.

 

Der Weinbergbesitzer antwortet dem Sprecher der Protestierer:

Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Denar?

Nimm, was dein ist und geh! Ich will aber diesem Letzten (dasselbe) geben wie auch dir.

 

Formal hat der Arbeitgeber mit dieser Antwort Recht. Er hat den Ersten gegenüber den geschlossenen Vertrag erfüllt. Die später Angeworbenen sind nicht Gegenstand dieses Vertrages. Mit ihnen hat der Arbeitgeber gar keine vertragliche Lohnabsprache getroffen.

So werden alle formal korrekt entlohnt.

 

Und trotzdem wehrt sich das Rechtsempfinden dagegen.

Sprechen die Protestierer nicht aus, was auch noch heute unseren Maßstäben entspricht?

 

Ich lese bei einem Juraprofessor:

„Was ungerecht ist, lässt man besten unsere Kinder feststellen: Jeder Achtjährige wird kräftig protestieren, wenn er für die achtstündige Mithilfe im Garten denselben Lohn erhalten soll, wie die Schwester, die der Mutter nur eine Stunde vor dem Abendessen hilft.“

 

Kann man heute nicht sogar Verfassungsgrundsätze gegen so eine Entlohnung ins Feld führen?

 

Der Jurist sagt:

„Der Gleichheitsgrundsatz ist eines der wichtigsten Grundrechte und findet sich an prominenter Stelle gleich am Anfang unsrer Verfassung.

Er verlangt, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt wird. Im Arbeitsrecht gilt das Gleichheitsgebot. Der Grundsatz, dass dieselbe Arbeit denselben Lohn bedingt, gehört zu den wichtigsten Errungenschaften des Tarifvertragsrechts“ (Thomas M. J. Möllers).

 

Schon der Begriff „Gleichheitsgebot“ macht deutlich: Hier liegt ein Vergleichen zugrunde.

 

Das Empfinden: Uns geschieht Unrecht – ist erst durch das Vergleichen entstanden. Die viel gearbeitet haben, vergleichen sich mit denen, die wenig, fast gar nichts gearbeitet haben. An sich hätten sie ihren Lohn nicht als ungerecht empfunden. Sie haben der Vereinbarung mit dem Arbeitgeber ja selbst zugestimmt. Als ungerecht empfinden sie ihren Lohn erst im Vergleich mit diesen anderen.

Du hast sie uns gleichgemacht, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.

 

 

Wer so bewertet, misst den gerechten Lohn an der geleisteten Arbeit. Die ist der Maßstab. Leistung muss sich lohnen. Mehr Leistung muss sich mehr lohnen. Und wer weniger geleistet hat, hat auch weniger verdient.

 

Nur -  nach diesem Grundsatz denkt und handelt der Gutsherr in unserem Gleichnis gerade nicht.

Das irritiert. Unser Rechtsempfinden bleibt aufgescheucht.

 

 

4

 

Dieser Arbeitgeber gibt den Protestierern noch eine zweite Antwort. Und die empört zunächst vielleicht noch mehr:

Steht es mir nicht frei, zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist?

Auch das mag bis zu einem gewissen Maß formal korrekt sein – nach altem Römischen Recht. Ist es auch im biblischen Sinn gerecht?

Und entspricht es unserem heutigen Rechtsempfinden? Steht nicht in unserem Grundgesetz: Eigentum verpflichtet?

 

Gott sei Dank! - steht das da. In den Finanz- und Wirtschaftskrisen besonders können wir nur wünschen, es würde mehr beachtet.

 

Mit seinem Eigentum  kann eben nicht jeder unbeschränkt machen, was er will.

 

Aber da sagt der Weinbergbesitzer noch etwas zu dem Sprecher der Protestierer:

Oder ist dein Auge schlecht, weil ich gut bin?

 

Dieser Arbeitgeber beansprucht keine abstrakte Verfügungsgewalt. Er will mit seinem Eigentum gar nicht alles Mögliche tun. Er will etwas Bestimmtes und tut es: Gutes.

 

So bekommen auch die als Kurzarbeiter Eingestellten den vollen Tagelohn.

Der Arbeitgeber legt an den Lohn, den er zahlt, den Maßstab der Güte an. Und gibt den Letzten dasselbe wie den Ersten.

 

Ist dein Auge schlecht, weil ich gut bin?

Eine ungewöhnliche Frage ist das im Zusammenhang von Tarifauseinandersetzungen.

 

Diese Frage soll nicht nur das Verhalten des Weinbergbesitzers erklären. Diese Frage lässt den Protestler auch in sein eigenes Herz sehen.

Siehst du neidisch drein, weil ich gut bin?

 

Eben das Herz der Protestierenden will der Gutsherr gewinnen.

Er will ihr Verständnis für seine Güte mit den Letzten gewinnen.

Er will die Protestierenden frei machen von ihrem Vergleichen, frei machen von den Gedanken, sie seien zu kurz gekommen.

Er will sie frei machen zur Freude über seine Güte.

 

 

 

5

 

Sprengt Jesu Geschichte hier nicht den Rahmen der Aller-Welt-Ökonomie und der Tarifauseinandersetzung und weist auf etwas ganz anderes hin?

 

Im Verhalten des Arbeitgebers scheint das Verhalten Gottes auf.

Ist dein Auge schlecht, weil ich gut bin? – fragt der Weinbergbesitzer.

Was aber ist gut? Oder sollten wir fragen: Wer ist gut?

 

Was fragst du mich nach dem, was gut ist? – hat Jesus im Evangelium kurz vorher zu dem reichen Jüngling gesagt.

Gut ist nur Einer.“

 

Und dieser Eine – der Vater im Himmel – lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute.

 

Gott macht’s wie der Weinbergbesitzer: Er bemisst, was er uns gibt, nicht nach der von uns geleisteten Arbeit. Unsere Werke sind nicht der Maßstab seiner Güte.

Gott gibt mehr.

 

Er ist so frei. So souverän. Und die Güte zeigt sich am Lohn, den Gott uns gibt.

 

Jesus selbst hat das praktisch gezeigt, wenn er sich zu Tisch setzte mit Dirnen und Betrügern vom Zoll. Und hat den Frommen und Gerechten, die sich darüber ärgerten, so eine Geschichte erzählt, um ihr Herz zu gewinnen.

 

 

 

 

6

 

Die Arbeit, die gerechten Werke, hat Jesus damit nicht schlecht gemacht. Im Gegenteil.

 

Jesus sagt ganz direkt: Gott fragt uns nach der Gerechtigkeit auf der Erde. Gott fragt uns nach dem, was wir tun, er will unsre Werke. Sie sind ihm nicht egal  und er nimmt sie ernst und wir sind mit ganzem Ernst gefordert. Unsere Werke finden bei Gott ihren Lohn. Auf der Erde und im Himmelreich. Von diesem Lohn leben wir und werden wir leben.

 

Das Urteil über unser Tun überlässt Gott keinem anderen, auch nicht uns selbst.

 

Gott zahlt uns Lohn. Aber was für einen!

Die Auszahlung an die Letzten (die kaum etwas geleistet haben) ist das Modell, nach dem wir verstehen sollen:

 

Der Lohn ist nicht das, was wir verdient haben. Nicht unser Verdienst.

 

Der Gotteslohn macht sich nicht abhängig von unsrer Leistung. Sondern von der Freiheit der Güte Gottes.

 

Woran aber bemisst sich Gottes Güte?  

Die Güte hat ihr Maß allein an sich selber.

 

Und die Güte lässt unsre Werke das sein, was sie sind: Werke und nichts sonst. Ohne dass wir mit ihnen Ansprüche bei Gott aufrichten können.

 

 

7

 

So geht es zu in der Königsherrschaft Gottes.

 

Hat das etwas zu tun mit Weisheit, die hilft, die Welt zu verstehen und das Leben zu bestehen?

 

Konkret: Können wir das Verhalten des Weinbergbesitzers als Richtlinie des Himmelreichs für eine gerechte Lohnpolitik nehmen? Etwa im politischen Streit um den Mindestlohn.

 

Wie wir das Gleichnis ausgelegt haben, geht das so einfach nicht.

 

Wir hörten ja:

Das Verhalten des Weinbergbesitzers sprengt fast die alltäglichen Verhältnisse, weil es Gleichnis für die Güte Gottes sein soll.

 

In den Rahmen weltlicher Lohnpraxis seiner Zeit und seines Landes hat Jesus das Gleichnis des Himmelreichs eingezeichnet, in dem das Überraschende geschieht. Das, was von Gott her die Grenze des Alltäglichen übersteigt.

 

Und nun muss, um zum Gleichnis der Güte Gottes zu werden, dieser  Arbeitgeber selbst gut handeln. Jedenfalls grenzwertig gut - im Rahmen damaliger Verhältnisse.

 

Weil uns an seinem Verhalten die unbegrenzte Überraschung des Himmelreiches aufgehen soll, muss das Verhalten des irdischen Arbeitgebers selbst überraschend sein. In seinen Grenzen.

 

 

So können wir gleichsam im Vorübergehen mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, dass der Weinbergbesitzer den in damaligen Verhältnissen kargen, aber gängigen Tagelohn von 1 Denar allen gibt, auch den Kurzarbeitern. Auch sie müssen ja einen Tag lang davon leben.

 

Dass einer mit seinem Lohn nicht über den Tag kommt, so ein Lohn ist bei diesem Arbeitgeber „nicht vorgesehen“.

 

Und dass die Arbeit zum menschlichen Lebens- und Tagesablauf gehört, der Arbeiter aber darauf angewiesen ist, dass ihm jemand Arbeit gibt und dass Arbeitslosigkeit Menschsein infrage stellt – all das kann man als Weisheit bezeichnen. Und sie kann unserem  Leben im Alltag bis heute dienen.

 

Vielleicht können wir sagen: Da wo das Alltägliche zum Gleichnis des Himmelreiches wird, da hat es schon ein bisschen von der Farbe des Himmels angenommen.

 

Sollte uns das – andersherum - nicht fragen lassen, wo wir unsere irdischen Arbeitsverhältnisse ein bisschen mehr der Ordnung der Güte anpassen können? Wo Gleichnisse des Himmelreichs in unsrer Welt entstehen könnten.

Und wir müssen uns dabei doch nicht vermessen, wir könnten das Reich Gottes auf Erden errichten.

 

Aber die alltägliche Weisheit unserer Welt kann doch immer noch ein Stück weiser werden, wenn sie mit der Gottesfurcht – mit dem Respekt vor der Güte Gottes - anfängt und aufhört.

 

Der Evangelist Matthäus stellt die Geschichte vom Weinbergbesitzer in den Zusammenhang mit Jesu Ankündigung, er ziehe hinauf nach Jerusalem und werde da gekreuzigt und auferweckt werden.

 

An dem aufgerichteten Kreuz, dem Jesu Geschichte zielstrebig entgegengeht, ist definitiv alle Welt-Weisheit eingeholt und überholt worden von der Torheit - die aber ist die Torheit der Güte Gottes und hat ihr Maß nur an sich selber. Amen.

 

 

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Für die Predigt habe ich entscheidende Gedanken bis in Formulierungen hinein aus der Literatur zur Auslegung dieses Gleichnisses übernommen. Das ist in der Predigt meist nicht gekennzeichnet. Ich nenne wichtige Titel:

·         Joachim Jeremias, Die Gleichnisse Jesu (1958)

·         Günter Bornkamm, Der Lohngedanke im Neuen Testament, in: Günter Bornkamm, Studien zu Antike und Urchristentum (1959)

·         Eberhard Jüngel, Paulus und Jesus (21964)

·         Georg Eichholz, Gleichnisse der Evangelien (1971)

·         Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus (3. Teilband) (1997)

·         Luise Schottroff, Die Gleichnisse Jesu (2005)

·         Thomas M.J. Möllers, „Leistung, die sich lohnt?“ – Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg – die Weinbergparabel (Mt 20,1) (2005) [www.hochschulgottesdienste.im-leben.de/2005ws/2005ws_hogodi2.pdf]